Ich lese gerade das Buch „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ von Carson McCullers. Es spielt in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts im Süden der USA. Darin geht es um eine Gruppe von Außenseitern, die sich um den Taubstummen John Singer sammeln. Jake Blount ist Kommunist (ohne in der Partei zu sein); wie ein Wanderprediger zieht er durch die Viertel der Arbeiter und der Farbigen, um ihnen die Wahrheit – so sieht er das – zu verkünden. Aber er erntet meist nur Gelächter oder bezieht Prügel. Er hat etwas Getriebenes und ist völlig verzweifelt, dass die Menschen nicht einsehen wollen, dass sie nur ausgebeutet werden. Er trinkt ziemlich viel. Und wie das mit Betrunkenen so ist: im Rauschzustand redet er sich noch mehr in Rage.
Das erinnert mich an manche Gestalten, die ab und zu in der U-Bahn oder in Bahnhöfen zu beobachten sind. Gerade letztens im U-Bahnhof Marienplatz war wieder einer. Trotz deutlich schwerer Zunge schien er einen ziemlich klaren Kopf zu haben und konnte seine Gedanken verständlich formulieren. In seiner Rede – getrieben von der Wut, die ich mir so ähnlich bei Jake Blount vorstelle – ging es um soziale Ungerechtigkeit, ein ganzes Leben gearbeitet und nun Hartz IV, die Großkopferten, die den Hals nicht vollkriegen und so weiter.
Grundsätzlich bin ich einverstanden mit diesen Leuten. Sicher nicht in allen Punkten, aber dieser Turbokapitalismus der letzten Jahre und die größer werdende soziale Kälte machen auch mich wütend.
Aber muss diese Art von Kämpfertum mit Ungewaschenheit einhergehen? Als ich an dem Mann vorbeiging, hat es mir fast den Atem verschlagen. Da war es mit der Sozialromantik erst einmal vorbei.
Ich glaube diese Art von Kämpfertum muss nicht mit Ungewaschenheit einhergehn nur oft werden wir dann erst darauf aufmerksam.
Ungewaschenheit, Verwahrlosung usw. sind ja auch oft Zeichen einer Depression die die Menschen vielleicht grade aus ihrer Erkenntnis über die Ungerechtigkeit befällt.
Deine Wut über die größer werdende soziale Kälte steht auch das Durchleben der selben gegenüber.
Viellicht sind die Gewaschenen einfach stabiler und haben weniger schlimmes durch gemacht.
lg
Kommentar von annarose — 6. März, 2009 @ 11:30 |
Zitat:“Aber muss diese Art von Kämpfertum mit Ungewaschenheit einhergehen? Als ich an dem Mann vorbeiging, hat es mir fast den Atem verschlagen. Da war es mit der Sozialromantik erst einmal vorbei.“
Den Mut, um auf diese „Ungerechtigkeiten“ hinzuweisen beziehen diese Menschen durch den Alkohol ER macht sie zu „mutigen“ Menschen.
Bis auf den letzten Satz stimme ich @annarose zu, aber ICH glaube nicht an mehr Stabilität, oder weniger Schlimmes … ICH denke es ist der Umgang mit der Depression und/oder mit dem Alkoholismus.
Kommentar von Markus1803 — 6. März, 2009 @ 17:02 |